|
Text als
PDF-Dokument öffnen (3 Seiten, 19 kB)

Essay von Walter
Dürig
Zwischen der
militärischen, politischen und unternehmerischen Führung bestehen,
sowohl in der historischen Betrachtung als auch in der Gegenwart,
enge verwandtschaftliche Beziehungen. In der unternehmerischen
Führungslehre, gleich welchen Modells, werden zahlreiche Begriffe
verwendet, die aus der militärischen Terminologie abgeleitet sind.
So entstammt zum Beispiel das Wort "Strategie" dem militärischen
Vokabular.
Die älteste bekannte Strategielehre
stammt aus China. Für die Entstehung des Buches «Die dreizehn Gebote
der Kriegskunst» bestehen verschiedene Hypothesen. Nach einer sehr
alten chinesischen Quelle wurde es um 512 v. Chr. von General Sun Wu,
der später General im Fürstentum Wu war, geschrieben. Nach einer
anderen Theorie soll Sun Tse Autor des Werkes sein. Er war in der
zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. aktiver General. Die
Entstehung der «dreizehn Gebote» werden aber auch Sun Pin oder
unbekannten Militärstudenten um die Mitte des 4. Jahrhunderts v.
Chr. zugeschrieben.
Beste Strategielehre
der Geschichte
«Sun Tse» ist heute
gleichbedeutend mit dem Buch «Die dreizehn Gebote der Kriegskunst».
Dieses enthält praktisch alle Elemente, welche ein militärischer
Führer und ein Offizier des Stabes wissen und in der Kriegführung
beachten müssen. Die Lehre reicht vom grossen Strategieentwurf auf
der Stufe des Staates bis zur operativen Führung im Kriege. Auf
kleinem Raum ist eine unglaublich dichte Information enthalten. Nach
Ansicht vieler Autoren handelt es sich um eine der besten und
vollständigsten Strategielehren der Geschichte. «Die dreizehn Gebote
der Kriegskunst» sind 2000 Jahre vor Niccolò Machiavellis Buch über
die Taktik und 2300 Jahre vor Carl von Clausewitz’s Werk vom Kriege
entstanden.
Zu jener Zeit waren
weder Papier noch Druck erfunden. Der Text, welcher rund 6000
chinesische Schriftzeichen umfasst, musste von Hand auf
Bambusstreifen geschrieben werden. Die Verbreitung der
Strategielehre erfolgte mit fortgesetzten Abschriften des Dokuments.
Im April 1972 wurden in einem Grab aus der Han-Dynastie (202 v. Chr.
bis 220 n. Chr.) mehrere Schriften, darunter auch die dreizehn
Gebote von Sun Tse, gefunden. Dabei zeigte sich eine gute
Übereinstimmung mit den überlieferten Versionen des Werks.
Sun Tse’s Lehre fand
in China schon immer und heute ganz besonders grosse
Beachtung. In Mao Tse-tung’s Schriften finden sich zum Beispiel
wörtliche Ableitungen von Sun Tse. Die bekannteste Stelle lautet:
«Kenne den Feind, kenne dich selbst; hundert Schlachten, hundert
Siege». Mao hat in seiner Strategie manche Grundsätze Sun Tse’s
praktisch und mit Erfolg angewendet. Das Prinzip der kurzen
Kriegsdauer hat er allerdings nicht beachtet.
Militarisierung der
japanischen Wirtschaftspraxis
Im 8. Jahrhundert
ist die Lehre von Sun Tse nach Japan gelangt. Sie wurde dort
seither in mehr als 100 verschiedenen Ausgaben kommentiert und
verbreitet. Dazu kommt eine umfangreiche Sekundärliteratur. Das Buch
der fünf Ringe des Samurai Miyamoto Musashi aus dem 16. Jahrhundert
basiert darauf und gehört zur Pflichtlektüre der heutigen
japanischen Wirtschaftsführer. General Muto Akira hat in den
Vierzigerjahren eine vergleichende Studie über Sun Tse und
Clausewitz publiziert.
In einem Buch «Sun
Tzu; War & Management» (1991) hat Wee Chou Hou den Einfluss von Sun
Tse auf die heutige japanische Wirtschaft untersucht. Er spricht von
einer eigentlichen «Militarisierung der japanischen
Wirtschaftspraxis» und belegt die erfolgreiche Anwendung der
altchinesischen Lehre im japanischen Geschäftsleben mit vielen
Beispielen. Wee kommt zudem das Verdienst zu, Sun Tse’s Texte in
seinem Buch in die heutige angloamerikanische Managementsprache
umgesetzt zu haben.
Der Jesuitenpater
J.J.M. Amiot hat Sun Tse als erster Europäer ins Französische
übersetzt und 1772 in Paris publiziert. Der junge Napoleon Bonaparte
hat diese Übersetzung angeblich gekannt und sehr genau studiert. In
vielen seiner genialen Operationen können Elemente von Sun Tse’s
Lehre erkannt werden. Allerdings hat Napoleon den Einsatz
bewaffneter Kräfte bevorzugt. Sun Tse’s Idee einer kampflosen
Strategie hat er sicher nicht nachgelebt.
In Europa
haben «Die dreizehn Gebote» aber erst im 20. Jahrhundert eigentliche
Beachtung erfahren. Die erste wissenschaftliche Analyse Sun Tse’s
stammt vom englischen General und Sinologen Samuel Griffith (1963).
Der britische Strategieexperte Liddel Hart ist mit Carl von
Clausewitz auf Grund von Sun Tse’s Lehren hart ins Gericht gegangen.
Zurückhaltung in
Europa
In Deutschland
hat der Sinologe Bruno Navarra 1910 eine deutsche Ausgabe der
dreizehn Gebote herausgebracht. 1937 publizierte der Japaner Mizuyo
Ashiya in der Zeitschrift «Wissen und Wehr» ein Essay über Sun Tse.
Griffith schreibt: «Glücklicherweise für die westlichen Alliierten
scheinen weder Hitler noch die Mitglieder des OKW oder des OKH
diesen Artikel gesehen zu haben. Wäre dem so gewesen, Hitlers Krieg
hätte vielleicht anders ausgesehen».
Sun Tse wurde in
unserem Jahrhundert mehrfach ins Russische übertragen. Sowohl
Engels und Lenin als auch Stalin haben sich mit der Strategielehre
von Sun Tse befasst. Nach dem zweiten Weltkrieg hat diese in der
sowjetischen Führung und auch in der ehemaligen DDR grosse Beachtung
gefunden.
Die europäische
Wissenschaft hat sich bisher insbesondere mit den
sicherheitspolitischen und militärischen Aspekten von Sun Tse’s
Lehre auseinandergesetzt. Im Vordergrund des Interesses steht dabei
die Strategie der Täuschung und der Kriegslist. Zur Umsetzung der
Lehre auf die allgemeinen Führungsaspekte in Politik und Wirtschaft
ist, ausser dem in Singapur erschienen Titel von Wee Chou Hou, kaum
etwas zu finden.
Shu Kono hat in
einem Essay in der Revue Internationale de l’Histoire Militaire (No.
38/1978) die Auswirkungen der Lehre von Sun Tse auf die Strategie im
Laufe der Jahrhunderte untersucht. Alexander der Große, Hannibal und
Caesar dürften Sun Tse kaum gekannt haben. Ihre Strategien weisen
aber manche Merkmale der fernöstlichen Lehren auf. Die Geschichte
der unwahrscheinlich raschen Entstehung des mongolischen Reiches -
des flächenmässig größten Imperiums der Geschichte - zu Beginn des
13. Jahrhunderts, erinnert an Sun Tse’s Strategielehre. Dschingis
Chan und dessen Söhne verfügten über Leute, welche in der
chinesischen Kultur versiert waren. Ob sie Sun Tse kannten, ist
allerdings nicht bekannt.
Clausewitz hat die
antiken Strategien als «am wenigsten brauchbare Theorien» abgelehnt.
In seiner Lehre lassen sich die Unterschiede zu Sun Tse leichter
ausmachen als die Gemeinsamkeiten.
Parallelen mit der
Gegenwart
Die von André
Beaufre propagierte und in der Zeit des Kalten Krieges praktizierte
Abschreckungsstrategie stellt eine Abkehr von Clausewitz und
eine Zuwendung zu Sun Tse dar. Dieser kann erstaunlicherweise manche
sicherheitspolitische Frage der Gegenwart beantworten.
Die «Dreizehn
Gebote» sind gegen das Ende der chinesischen Tschou-Dynastie hin
entstanden. Infolge der schwachen Führung durch den König zerfiel
das blühende Staatswesen um 770 v. Chr. in mehrere sich
konkurrenzierende Einzelstaaten. Zuerst waren es 140 Stadtstaaten,
dann 40 und später 10 Fürstentümer, die sich schliesslich unter dem
Zwang des erstarkten Fürstenhauses der Ts’in um 221 v. Chr. zu einem
neuen Zentralreich vereinten.
Die Übergangszeit
war eine Periode grosser Veränderungen. Die
Produktionstechnik, insbesondere in der Wasserwirtschaft, machte
grosse Fortschritte. Die Fürsten walteten praktisch unabhängig vom
König und entwickelten ihre Staaten aus eigener Kraft und mit
eigenen Ressourcen. Es wurde ein kollektives Verteidigungssystem
aufgebaut und gegen aufmüpfige Fürsten und revolutionäre Wirren
sowie gegen die Invasion durch fremde Mächte eingesetzt. Die
einflussreichsten Fürsten strebten damals nicht den Sturz des Königs
an, versuchten aber, ihre Macht und Einflussnahme durch Allianzen
zu steigern. Ihr Ziel war Friede, Sicherheit und Wohlstand der
zivilisierten chinesischen Welt, das Mittel eine zwischenstaatliche
Wirtschaftsordnung.
Die Zeit war aber
auch geprägt von Instabilität. Starke Fürstentümer
überlebten, schwache wurden, wenn möglich ohne den Einsatz
militärischer Machtmittel, absorbiert. Es musste aber auch mit
unvermittelten Angriffen durch ehemalige Alliierte gerechnet werden.
Der Fürst sollte sich auch gegen diesen Fall wappnen. Der Gehalt der
«Dreizehn Gebote» scheint auf dieser Strategie der damals
Herrschenden zu basieren.
Eroberungen ohne
militärische Gewalt
Sun Tse rät von
Eroberungen mit militärischer Gewalt ab. Er sagt: «Der Krieg ist für
den Staat ein grosses Wagnis, er ist der Ausgangspunkt des Lebens
oder des Todes, ist der Weg zum Weiterbestehen oder zum Untergang.
Dies zu begreifen, ist notwendig.» Seine Lehre basiert auf
Koexistenz und Wohlstand in einem internationalen Gleichgewicht.
Er beschreibt aber auch in allen Einzelheiten, wie bei einer
(eigenen oder fremden) militärischen Aggression vorzugehen ist. In
diesem Falle sind die Regeln äusserst brutal. Jede Kriegslist ist
erlaubt. Der Feldherr denkt auch an sich selbst und verlangt vom
Fürst volle Handlungsfreiheit.
Im Gegensatz zu den Heerführern der
europäischen Kriege hat Sun Tse Respekt vor dem Menschenleben. Dies
mag damit zusammenhängen, dass die Fürsten der damaligen Zeit
dringend auf die Arbeitskraft ihrer Untertanen angewiesen waren. Sun
Tse legt auch grossen Wert darauf, das Feindesland intakt,
einschliesslich der Arbeitskräfte, in Besitz zu nehmen. Für
Clausewitz ist die Zerstörung der feindlichen Kräfte Grundstein
aller Kriegshandlungen. Sun Tse kommt also unseren heutigen
Vorstellungen der Menschenrechte näher als Clausewitz.
Die hier
(unvollständig) erwähnten Parallelen zwischen der damaligen Zeit und
der Gegenwart dürften der Hauptgrund dafür sein, dass Sun Tse’s
Strategielehre am Ende des 20. Jahrhunderts im Fernen Osten, aber in
zunehmenden Masse auch im Westen, so grosse Beachtung erfährt.
Neben den
Ähnlichkeiten der politischen Zustände lassen sich aber auch
erstaunliche Analogien zur Welt der heutigen Marktwirtschaft
ableiten. |