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Verfasst von
Walter Dürig
Grundlage
«Vom Kriege,
hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz»
Vollständige Ausgabe
im Urtext, drei Teilen in einem Band
Herausgeber: Werner
Hahlweg
19. Auflage (1.
Auflage 1832 - 1834)
© 1980, Ferd.
Dümmlers Verlag, Bonn
ISBN 3-427-82019-X
Zur Verfügung stand
auch die vierte Auflage von 1880.
Carl von
Clausewitz
*1. Juni 1780
†16. November 1831
Clausewitz wurde
bereits im Alter von zwölf Jahren Soldat und machte den
Revolutionskrieg in den Reihen des preussischen Heeres mit. Er lebte
und wirkte in einer Zeit des Umbruchs, der stürmischen Veränderungen
überkommener politischer, ökonomischer und sozialer Strukturen im
Wechselspiel von Revolution und Restauration oder Reaktion, wie sie
im militärischen Bereich mit der Kanonade von Valmy (20.9.1792)
sichtbar ihren Anfang nahm. Eine neue Welt trat dort mit dem ersten
Sieg des französischen Revolutionsheeres in Erscheinung, dem
revolutionären Volkskrieg. Clausewitz erlebte diese Anfänge eines
neuen Zeitalters ebenso intensiv wie später den militärischen und
politischen Zusammenbruch Preussens im Jahre 1906 und damit das Ende
jener alten Welt, in welcher er aufgewachsen war.
Als Vertrauter und
Freund von Scharnhorst arbeitete er an der preussischen Heeresreform
mit und erlebte die nahezu hoffnungslose Lage des preussischen
Rumpfstaates nach dem Tilsiter Frieden (1807). Im Frühjahr 1912
gehörte er zu den politisch bewussten preussischen Patrioten, die in
russische Dienst traten, um nicht für die damals verhasste Sache
Napoleons kämpfen zu müssen. Als Oberst in russischen und dann
wieder in preussischen Diensten kämpfte er in den Freiheitskriegen
von 1813/15 und wurde als Chef des Generalstabs des III. Armeekorps
in der Schlacht von Ligny-Belle-Alliance auf die Probe gestellt.
König Friedrich Wilhelm III. nahm ihm den Übertritt in russische
Dienste übel und verdächtigte ihn als Jakobiner. Er wurde deshalb
1816 zuerst nach Koblenz versetzt und 1818 als Verwaltungsdirektor
der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin «abgeschoben», was zu seiner
Resignation bis zum Lebensende führte.
Nach dem Tode
Scharnhorsts im Jahre 1813 schloss sich Clausewitz Gneisenau an, der
sein einziger wahrer Freund wurde. Während des polnischen Aufstandes
von 1830/31 war er als Generalmajor Gneisenaus Chef des
Generalstabes bei der preussischen Observationsarmee in Posen.
Nach Gneisenaus Tod
kehrte er am 7. November 1831 nach Breslau zurück, um gemeinsam mit
seiner Gattin am Werk «Vom Kriege» weiterzuarbeiten. Aber schon am
16. November ereilte ihn der Tod.
In der Überlieferung
erscheint Clausewitz als eine empfindsame, selbstkritisch veranlaget
Persönlichkeit von absoluter Rechtschaffenheit. Im Urteil von
Zeitgenossen wirkte er als zurückhaltend und verschlossen, ja
mitunter kalt abweisend, aber auch als Mann ruhiger Besonnenheit,
seltener Klarheit und unerschütterlicher Festigkeit der Gesinnung.
Clausewitz war an
der Bearbeitung von Reglementen für Infanterie, Kavallerie und
Artillerie beteiligt. An der Kriegsschule lehrte er
Artillerieschiesslehre sowie die Praxis des Generalstabsdienstes und
des kleinen Krieges. 1913 verfasste er in Königsberg eine
Instruktion für die Ausbildung der Landwehr (Miliz). 1931 schrieb er
für Gneisenau eine «Betrachtung über den künftigen Kriegsplan gegen
Frankreich». Er hatte einen ausgeprägten Sinn für politische
Zusammenhänge und stand als preussischer Gesandter in England oder
in der Schweiz zur Diskussion.
Das dreibändige Werk
«Vom Kriege» schrieb Clausewitz in der Zeit von 1816 bis 1830 im
Gefühl eines letzthin unerfüllten Lebens, der Zurücksetzung,
Kränkung und Enttäuschung nieder. Er arbeitete an seinem Werk, das
erst nach seinem Tode, wie es sein Wille war, erscheinen sollte in
Gemeinsamkeit mit seiner Frau Marie von Clausewitz (geb. Gräfin
Brühl). Dem Willen ihres Gatten folgend, überliess sie die
Manuskripte, die der Autor noch weiter zu bearbeiten beabsichtigte,
Ferdinad Dümmler, dessen Verlag die Clausewitz-Ausgaben noch heute
betreut. Die erstmalige Veröffentlichung erfolgte in den Jahren 1832
und 1834.
Das Werk «Vom
Kriege» erörtert die folgenden wichtigsten Themen.
-
Natur und Begriff
des Krieges als Element des sozialen Lebens, als existentielles
Problem, in allen seinen nur denkbaren Erscheinungsformen in
Vorstellung und Wirklichkeit.
-
Verhältnis von
Krieg und Politik.
-
Beziehungen
zwischen Theorie und Praxis auf grundsätzlicher Ebene.
-
Grundfragen von
Strategie und Taktik.
-
Wechselverhältnis
von Verteidigung und Angriff.
-
Bedeutung der
moralischen Grössen.
-
Rolle der
Unwägbarkeiten (Imponderabilien, «Friktionen»)
-
Problematik des
Vernichtungsprinzips in Gedanken und Verwirklichung.
-
Phänomen des
Volkskrieges.
-
Reflexionen über
das rechte Verhältnis von Zweck, Ziel und Mitteln.
******************
Nachfolgend sind die
Zitate in Normalschrift, zusammenfassende Bemerkungen in
Kursivschrift dargestellt.
***********
Nachricht
Der Krieg ist nichts
anderes als die fortgesetzte Staatspolitik mit andern Mitteln.
1. Buch, 1. Kap.
Definition
Der Krieg ist also
ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unsres Willens zu
zwingen.
3. Äusserste
Anwendung der Gewalt
Der Kampf zwischen
Menschen besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem
feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht.
4. Das Ziel ist, den
Feind wehrlos zu machen
Soll also der Gegner
zur Erfüllung unseres Willens durch den kriegerischen Akt gezwungen
werden, so müssen wir ihn entweder faktisch wehrlos machen oder in
einen Zustand versetzten, dass er nach Wahrscheinlichkeit damit
bedroht sei. Hieraus folgt: dass die Entwaffnung oder das
Niederwerfen des Feindes, wie man es nennen will, immer das Ziel des
kriegerischen Aktes sein muss.
18. Unvollkommene
Einsicht des Falles
Jeder Feldherr
übersieht nur seine eigene Lage genau, die des Gegners nur nach
ungewissen Nachrichten; er kann sich also im seinem Urteil darüber
irren und infolge dieses Irrtums glauben, das Handeln sei am Gegner,
wenn es eigentlich an ihm ist.
20. Es fehlt also
nur noch der Zufall, um ihn zum Spiel zu machen, und dessen entbehrt
er am wenigsten.
Wir sehen hieraus,
wie sehr die objektive Natur des Krieges ihn zu einem
Wahrscheinlichkeitskalkül macht; nun bedarf es nur noch eines
einzigen Elementes um ihn zum Spiel zu machen, und dieses Elementes
entbehrt er gewiss nicht: Es ist der Zufall. Es gibt keine
menschliche Tätigkeit, welche mit dem Zufall so beständig und so
allgemein in Berührung stände als der Krieg. Mit dem Zufall nimmt
das Ungefähr und mit ihm das Glück einen grossen Platz in ihm ein.
21. Wie durch seine
objektive Natur, so wird der Krieg auch durch die subjektive zum
Spiel.
Wir sehen also, wie
von Haus aus das Absolute, das so genannte Mathematische, in den
Berechnungen der Kriegskunst nirgends einen festen Grund findet, und
das gleich von vornherein ein Spiel von Möglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, Glück und Unglück hineinkommt, welches in
allen grossen und kleinen Fäden seines Gewebes fortläuft und von
allen Zweigen des menschlichen Tuns den Krieg dem Kartenspiel am
nächsten stellt.
24. Der Krieg ist
eine blosse Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln
So sehen wir also,
dass der Krieg nicht bloss ein politischer Akt, sondern ein wahres
politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen
Verkehrs, ein Durchführen desselben mit andern Mitteln.
25.
Verschiedenartigkeit der Kriege.
Je grossartiger und
stärker die Motive des Krieges sind, je mehr sie das ganze Dasein
der Völker umfassen, je gewaltsamer die Spannung ist, die dem Kriege
vorhergeht, um so mehr wird der Krieg sich seiner abstrakten Gestalt
nähern, um so mehr wird es sich um das Niederwerfen des Feindes
Handeln, umso mehr fallen das kriegerische Ziel und der politische
Zweck zusammen, um so reiner kriegerisch, weniger politisch scheint
der Krieg zu sein.
28. Resultat für die
Theorie.
Der Krieg ist also
nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er im jedem konkreten Fall
seine Natur etwas ändert, sondern er ist auch seinen
Gesamterscheinungen nach, in Beziehung auf die in ihm herrschenden
Tendenzen eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der
ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Hass und der
Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem
Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer
freien Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur
eines politischen Werkzeuges, wodurch er dem blossen Verstand anheim
fällt.
Die erste dieser
drei Seiten ist mehr dem Volke, die zweite mehr dem Feldherrn, die
dritte mehr der Regierung zugewendet. Die Leidenschaften, welche im
Krieg entbrennen sollen, müssen schon in den Völkern vorhanden sein;
der Umfang, welchen das Spiel des Mutes und Talents im Reiche der
Wahrscheinlichkeiten des Zufalls bekommen wird, hängt von der
Eigentümlichkeit des Feldherrn und des Heeres ab, die politischen
Zwecke aber gehören der Regierung allein an.
Erstes Buch, zweites
Kapitel
Zweck und Mittel im
Kriege
Halten wir uns
zuvörderst wieder an den reinen Begriff des Krieges, so müssen wir
sagen, dass der politische Zeck desselben eigentlich ausser seinem
Gebiete liege; denn wenn der Krieg ein Akt der Gewalt ist, um den
Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen, so müsste es immer
und ganz allein darauf ankommen, den Gegner niederzuwerfen, d.h. ihn
wehrlos zu machen. (Die Streitmacht, das Land, und der Wille des
Feindes).
Die Streitkraft muss
vernichtet, d. h. in einen solchen Zustand versetzt werden, dass sie
den Kampf nicht mehr fortsetzen kann. Wir erklären hierbei, dass wir
in der Folge bei dem Ausdruck «Vernichtung der feindlichen
Streitkraft» nur dies verstehen werden.
Das Land muss
erobert werden, denn aus dem Lande könnte sich eine neue Streitkraft
bilden.
Ist aber auch beides
geschehen, so kann der Krieg, d. h. die feindliche Spannung und
Wirkung feindseliger Kräfte, nicht als beendet angesehen werden,
solange der Wille des Feindes nicht auch bezwungen ist, d. h. seine
Regierung und seine Bundesgenossen zur Unterzeichnung des Friedens
oder das Volk zur Unterwerfung vermocht sind; denn es kann sich,
während wir im vollen Besitze des Landes sind, der Kampf in seinem
Innern oder auch durch Beistand seiner Bundesgenossen von neuem
entzünden.
(Politik, Krieg,
Frieden sind gleichwertige Begriffe!).
Indirekte Methode.
Nun kommen wir aber
noch auf ein eigentümliches Mittel, – auf die Wahrscheinlichkeit des
Erfolges zu wirken, ohne die feindliche Streitkraft niederzuwerfen,
nämlich solche Unternehmungen, die eine unmittelbare politische
Beziehung haben. Gibt es Unternehmungen, die vorzugsweise geeignet
sind, Bündnisse unseres Gegners zu trennen oder unwirksam zu machen,
und neue Bundesgenossen zu erwerben, politische Funktionen zu
unserem Besten aufzuregen usw., so ist leicht begreiflich, wie dies
die Wahrscheinlichkeit des Erfolges sehr steigern und ein viel
kürzerer Weg zum Ziel werden kann als das Niederwerfen der
feindlichen Streitkräfte.
Die zweite Frage
ist, welches die Mittel sind, auf den feindlichen Kraftaufwand, d.
h. auf die Preiserhöhung zu wirken.
Der Kraftaufwand des
Gegners liegt in dem Verbrauch seiner Streitkräfte, also in der
Zerstörung derselben von unserer Seite; in dem Verlust von
Provinzen, also in der Eroberung derselben durch uns.
...
Ausser diesen beiden
Gegenständen gibt es nun noch drei eigentümliche Wege, die
unmittelbar darauf gerichtet sind, den Kraftaufwand des Gegners zu
steigern. Der erste ist die Invasion, d. h. die Einnahmen
feindlicher Provinzen, nicht mit der Absicht, sie zu behalten,
sondern um Kriegssteuern darin zu erheben.
...
Der zweite Weg ist,
unsere Unternehmungen vorzugsweise auf solche Gegenstände zu
richten, die den feindlichen Schaden vergrössern.
...
Der dritte Weg, am
Umfang der ihm zugehörigen Fälle bei weitem der wichtigste, ist das
Ermüden des Gegners. ... In diesem Begriff des Ermüdens bei einem
Kampfe liegt eine durch die Dauer der Handlungen nach und nach
hervorgebrachte Erschöpfung der physischen Kräfte und des Willens.
...
Wir sehen also, dass
es im Kriege der Wege zum Ziele viele gibt, dass nicht jeder Fall an
die Niederwerfung des Gegners gebunden ist, dass Vernichtung der
feindlichen Streitkraft, Eroberung feindlicher Provinzen, blosse
Besetzung derselben, blosse Invasion derselben, Unternehmungen, die
unmittelbar auf politische Beziehungen gerichtet sind, endlich ein
passives Abwarten der feindlichen Stösse – alles Mittel sind, die,
jedes für sich, zur Überwindung des feindlichen Willens gebraucht
werden können, je nachdem die Eigentümlichkeit des Falles mehr von
dem einen oder dem anderen erwarten lässt.
Mittel des Krieges
Dieser Mittel gibt
es nur ein einziges, es ist der Kampf.
...
Es gehört also alles
zur kriegerischen Tätigkeit, was sich auf die Streitkräfte bezieht,
also alles, was zu ihrer Erzeugung, Erhaltung und Verwendung gehört.
Erzeugung und
Erhaltung sind offenbar nur die Mittel, die Anwendung aber ist der
Zweck.
...
Ferner bildet der
Zweck des Kampfes, also ein Objekt, eine Einheit desselben.
Jede dieser
Einheiten nun, die sich im Kampf unterscheiden, belegt man mit dem
Namen eines Gefechts.
Vernichtung der
feindlichen Streitmacht.
So erscheint also
die Vernichtung der feindlichen Streitmacht immer als das
höherstehende, wirksamere Mittel, dem alle anderen weichen müssen.
Erstes Buch,
drittes Kapitel
Der kriegerische
Genius als Anforderung an Kämpfer und Feldherr. Verstand, Mut,
Entschlossenheit.
Eine sehr grosse
Kluft liegt zwischen einem Feldherrn, d. h. einem entweder an der
Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters stehenden
General, und der nächsten Befehlshaberstufe unter ihm, aus dem
einfachen Grunde, weil dieser an einer viel näheren Leitung und
Aufsicht unterworfen ist, folglich der eigenen Geistestätigkeit
einen viel kleineren Kreis lässt.
...
Man ist nicht
abgeneigt, in einem unter den Waffen ergrauten Unterfeldherrn, den
seine einseitige Tätigkeit zu einer unverkennbaren Geistesarmut
geführt hat, ein gewisses Verdummen zu erblicken und bei aller
Verehrung für seinen Mut über seine Einfalt zu lächeln.
...
Um einen ganzen
Krieg oder seine grössten Akte, die wir Feldzüge nennen, zu einem
glänzenden Ziel zu führen, dazu gehört eine grosse Einsicht in die
höheren Staatsverhältnisse. Kriegführung und Politik fallen hier
zusammen, und aus dem Feldherrn wird zugleich der Staatsmann.
Erstes Buch,
sechstes Kapitel
Nachrichten im
Kriege
Ein grosser Teil der
Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist widersprechend, ein noch
grösserer ist falsch und bei weitem der grösste einer ziemlichen
Ungewissheit unterworfen.
...
Fest im Vertrauen
auf sein besseres inneres Wissen muss der Führer dastehen, wie der
Fels, am dem die Welle sich bricht.
Erstes Buch,
achtes Kapitel
Kriegsgewohnheit
Kriegsgewohnheit
kann kein Feldherr seinem Heere geben, und schwach ist der Ersatz,
den Friedensübungen gewähren.
...
Die Übungen des
Friedens so einzurichten, dass ein Teil jener Friktionsgegenstände
darin vorkommen, das Urteil, die Umsichtigkeit, selbst die
Entschlossenheit der einzelnen Führer geübt werde, ist von viel
grösserem Wert, als diejenigen glauben, die den Gegenstand nicht aus
eigener Erfahrung kennen.
...
Ein anderes, weniger
umfassendes, aber doch höchst wichtiges Mittel, die Kriegsgewohnheit
im Frieden zu gewinnen, ist das Heranziehen kriegserfahrener
Offiziere anderer Heere.
Zweites Buch,
erstes Kapitel
Kriegskunst bedeutet
Kriegführung und Schöpfung der Streitkräfte (Aushebung, Bewaffnung,
Ausrüstung und Übung).
Kriegführung
bedeutet Anordnung und Führung des Kampfes.
Die Gefechte in sich
anzuordnen und zu führen wird Taktik, die Gefechte unter sich zum
Zwecke des Krieges zu verbinden Strategie genannt.
oder
Taktik: Lehre vom
Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht,
Strategie: Lehre vom
Gebrauch der Streitkräfte zum Zweck des Krieges.
Märsche, Lager und
Quartiere sind Teile von Taktik und Strategie.
Ernährung,
Krankenpflege, Waffen- und Ausrüstungsersatz dienen der Erhaltung
der Streitkräfte und zählen nicht zur eigentlichen Kriegführung.
Der Marsch im
Gefecht, Evolution genannt, ist Teil der Taktik, der Marsch ausser
dem Gefecht gilt als Ausführung der strategischen Bestimmung.
Anmerkung:
Clausewitz ringt mit dem Begriff der Strategie!
Zweites Buch,
zweites Kapitel
Im zweiten
Kapitel befasst sich Clausewitz mit früheren Theorien, die sich für
ihn nur in materiellen Dingen erschöpften.
Alle diese Versuche
sind verwerflich.
Alle diese
Theorieversuche sind nur in ihrem analytischen Teil als Fortschritte
in dem Gebiet der Wahrheit zu betrachten, in dem synthetischen Teil
aber, in ihren Vorschriften und Regeln, ganz unbrauchbar.
Sie streben nach
bestimmten Grössen, während im Kriege alles unbestimmt ist und der
Kalkül mit lauter veränderlichen Grössen gemacht werden musste.
Sie richten die
Betrachtung nur auf materielle Grössen, während der ganze
kriegerische Akt von geistigen Kräften und Wirkungen durchzogen ist.
Sie betrachten nur
die einseitige Tätigkeit, während der Krieg eine beständige
Wechselwirkung der gegenseitigen ist.
Sie schliessen das
Genie von der Regel aus.
Als geistige
Grössen beschreibt Clausewitz das feindselige Gefühl, die
feindselige Absicht, die Gefahr, den Mut.
Geistige Kräfte und
Wirkungen (Das feindselige Gefühl).
Kampf ist
ursprünglich die Äusserung feindseliger Gefühle; es wird aber
allerdings in unseren grossen Kämpfen, die wir Krieg nennen, aus dem
feindseligen Gefühl häufig nur eine feindselige Absicht, und es
pflegt dem Einzelnen wenigstens kein feindseliges Gefühl gegen den
Einzelnen beizuwohnen. Nichtsdestoweniger geht es nie ohne eine
solche Gemütstätigkeit ab. Der Nationalhass, an dem es auch bei
unseren Kriegen selten fehlt, vertritt bei dem Einzelnen gegen den
Einzelnen mehr oder weniger stark die individuelle Feindschaft. Wo
aber auch dieser fehlt und anfangs keine Erbitterung war, entzündet
sich das feindselige Gefühl an dem Kampfe selbst, denn eine
Gewaltsamkeit, die jemand auf höhere Weisung an uns verübt, wird uns
zur Vergeltung und Rache gegen ihn entflammen, früher noch, ehe wir
es gegen die höhere Gewalt sein werden, die ihm gebietet, so zu
handeln. Dies ist menschlich oder auch tierisch, wenn man will, aber
es ist so.
Andere Gemütskräfte.
...
In den niederen
Regionen kommt es bei Gefahr und Anstrengung zu jener soldatischen
Einfachheit des Charakters, die immer der beste Repräsentant des
Kriegerstandes gewesen ist. – In den höheren Regionen ist es anders,
denn je höher einer steht, um so mehr muss er um sich sehen; da
entstehen denn Interessen nach allen Seiten und ein mannigfaltiges
Spiel der Leidenschaften, der guten und bösen. Neid und Edelsinn,
Hochmut und Bescheidenheit, Zorn und Rührung, alle können als
wirksame Kräfte in dem grossen Drama erscheinen.
Die Theorie
betrachtet also die Natur der Zwecke und Mittel. Zweck und Mittel in
der Taktik.
In der Taktik sind
die Mittel die ausgebildeten Streitkräfte, welche den Kampf führen
sollen. Der Zweck ist der Sieg.
Umstände, welche die
Anwendung der Mittel immer begleiten
Diese Umstände sind
die Örtlichkeit (das Terrain), die Tageszeit und das Wetter.
...
Es ist also zwischen
den gebildeten Völkern kaum ein Gefecht ohne Einfluss von Gegend und
Boden denkbar.
...
Indessen wird es
allerdings eine Menge von Gefechten geben, wo sich der Umstand der
Tageszeit ganz gleichgültig verhält, und in der Allgemeinheit der
Fälle ist Einfluss desselben nur gering.
...
Noch seltener wird
das Wetter von einem bestimmenden Einfluss, und meistens ist es nur
durch den Nebel, dass es eine Rolle spielt.
...
Zwecke und Mittel in
der Strategie.
Die Strategie hat
ursprünglich nur den Sieg, d. h. den taktischen Erfolg, als Mittel
und, in letzter Instanz, die Gegenstände, welche unmittelbar zum
Frieden führen sollen, als Zweck. Die Anwendung ihres Mittels zu
diesen Zwecken ist gleichfalls von Umständen begleitet, die mehr
oder weniger Einfluss darauf haben.
Umstände, welche die
Anwendung der Mittel begleiten
Diese Umstände sind
Gegend und Boden, aber die erstere zugleich erweitert zu Land und
Volk des ganzen Kriegstheaters; die Tageszeit, aber auch zugleich
die Jahreszeit; endlich das Wetter, und zwar durch ungewöhnliche
Erscheinungen desselben, grosser Frost usw.
(Die grosse
Vereinfachung) erklärt das schnelle Ausbilden grosser Feldherren,
und warum ein Feldherr kein Gelehrter ist.
...
Nur so erklärt es
sich, wie so oft Männer im Kriege, und zwar in den höheren Stellen,
selbst als Feldherren, mit grossem Erfolg aufgetreten sind, die
früher eine ganz andere Richtung ihrer Tätigkeit hatten; ja wie
überhaupt die ausgezeichneten Feldherren niemals aus der Klasse viel
wissender oder gar gelehrter Offiziere hervorgegangen sind, sondern
meistens ihrer ganzen Lage nach auf keine grosse Summe des Wissens
eingerichtet sein konnten. Darum sind auch diejenigen immer mit
Recht als lächerliche Pedanten verspottet worden, die für die
Erziehung eines künftigen Feldherrn nötig oder auch nur nützlich
hielten, mit der Kenntnis aller Details anzufangen. Es lässt sich
ohne grosse Mühe beweisen, dass sie ihm schaden wird, weil der
menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse und
Ideenrichtungen erzogen
wird. Nur das Grosse kann ihn grossartig, das Kleine nur kleinlich
machen, wenn er es nicht wie etwas ihm Fremdes von sich stösst
Zweites Buch,
drittes Kapitel
Der Krieg ist ein
Akt des menschlichen Verkehrs.
Wir sagen also, der
Krieg gehört nicht in das Gebiet der Künste und Wissenschaften,
sondern in das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens. Er ist ein
Konflikt grosser Interessen, der sich blutig löst, und nur darin ist
er von den anderen verschieden. Besser als mit irgend einer Kunst
liesse er sich mit dem Handel vergleichen, der auch ein Konflikt
menschlicher Interessen und Tätigkeiten ist, und viel näher steht
ihm die Politik, die ihrerseits wieder als eine Art Handel in
grösserem Massstabe angesehen werden kann. Ausserdem ist sie der
Schoss, in dem sich der Krieg entwickelt; in ihr liegen die
Lineamente desselben schon verborgen angedeutet wie die
Eigenschaften der lebenden Geschöpfe in ihren Keimen.
Zweites Buch,
sechstes Kapitel
Die Rolle der
Erfahrung, Stand der Technik
Unstreitig gehören
die der Kriegskunst zum Grunde liegenden Kenntnisse aus den
Erfahrungswissenschaften; denn wenn sie auch grösstenteils aus der
Natur der Dinge hervorgehen, so muss man doch diese Natur meistens
selbst erst durch die Erfahrung kennen lernen; ausserdem wird die
Anwendung von so vielen Umständen modifiziert, dass die Wirkungen
nie aus der blossen Natur des Mittels vollständig erkannt werden
können.
Die Wirkung des
Pulvers, dieses grossen Agens für unsere kriegerische Tätigkeit, ist
bloss durch die Erfahrung erkannt worden, und noch zu dieser Stunde
ist man unaufhörlich durch Versuche beschäftigt, sie genauer zu
erforschen. Dass eine eiserne Kugel, der man durch das Pulver eine
Geschwindigkeit von 1000 Fuss in der Sekunde gegeben hat, alles
zerschmettert, was sie von lebenden Wesen in ihrem Lauf berührt,
versteht sich freilich von selbst, es bedarf dazu keiner Erfahrung;
aber wie viel Hundert Nebenumstände bestimmen diese Wirkung genauer,
die zum Teil nur durch die Erfahrung erkannt werden können.
Drittes Buch: Von
der Strategie überhaupt
Drittes Buch,
erstes Kapitel
Genauere
Definition des Strategiebegriffs.
Die Strategie ist
der Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges; sie muss also dem
ganzen kriegerischen Akt ein Ziel setzen, welches dem Zweck
desselben entspricht, d. h. sie entwirft den Kriegsplan, und an
dieses Ziel knüpft sie die Reihe der Handlungen an, welche zu
demselben führen sollen, d. h. sie macht die Entwürfe zu den
einzelnen Feldzügen und ordnet in diesen die einzelnen Gefechte an.
Da sich alle diese Dinge meistens nur nach Voraussetzungen bestimmen
lassen, die nicht alle zutreffen, eine Menge anderer, mehr ins
einzelne gehender Bestimmungen sich aber gar nicht vorher geben
lassen, so folgt von selbst, dass die Strategie mit ins Feld ziehen
muss, um das Einzelne an Ort und Stelle anzuordnen und für das Ganze
die Modifikationen zu treffen, die unaufhörlich erforderlich werden.
Sie kann also ihre Hand in keinem Augenblick von dem Werke abziehen.
Drittes Buch,
zweites Kapitel
Man kann die in der
Strategie den Gebrauch des Gefechts bedingenden Ursachen füglich in
Elemente verschiedener Art abteilen, nämlich in die moralischen, die
physischen, die mathematischen, die geographischen und die
statistischen Elemente.
Drittes Buch,
drittes Kapitel
Der Geist und die
übrigen moralischen Eigenschaften des Heeres, des Feldherrn, der
Regierungen, die Stimmung der Provinzen, worin der Krieg geführt
wird, die moralische Wirkung eines Sieges oder einer Niederlage sind
Dinge, die an sich sehr verschiedenartig sind und in ihrer Stellung
zu unserem Zweck und unseren Verhältnissen wieder sehr
verschiedenartigen Einfluss haben können.
Drittes Buch,
viertes Kapitel
Die moralischen
Hauptpotenzen sind: die Talente des Feldherrn, kriegerische Tugend
des Heeres, Volksgeist desselben.
Drittes Buch,
fünftes bis achtzehntes Kapitel
Clausewitz
behandelt in den Kapiteln fünf bis achtzehn ausführlich die Fragen
der kriegerischen Tugend des Heeres, der Kühnheit, der
Beharrlichkeit, der Überlegenheit der Zahl, der Überraschung, der
List, der Sammlung der Kräfte im Raum, der Vereinigung der Kräfte in
der Zeit, der strategischen Reserve, der Ökonomie der Kräfte, des
geometrischen Elementes, des Stillstands im kriegerischen Akt sowie
der Bedeutung von Spannung und Ruhe.
Drittes Buch,
siebzehntes Kapitel
Über den Charakter
der heutigen Kriege
Die Rücksicht,
welche man dem Charakter der heutigen Kriege schuldig ist, hat einen
grossen Einfluss auf alle Entwürfe, vorzüglich die strategischen.
Seit alle
gewöhnlichen früheren Mittel durch Bonapartes Glück und Kühnheit
über den Haufen geworfen und Staaten vom ersten Rang fast mit einem
Schlag vernichtet worden sind, seitdem die Spanier durch ihren
anhaltenden Kampf gezeigt haben, was Nationalbewaffnungen und
Insurrektionsmittel im grossen vermögen trotz ihrer Schwäche und
Porosität im einzelnen, seitdem Russland durch seinen Feldzug von
1912 gelehrt hat, erstens, dass ein Reich von grossen Dimensionen
nicht zu erobern ist (welches man füglich vorher hätte wissen
können), zweitens, dass die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs nicht in
allen Fällen in dem Masse abnimmt, als man Schlachten, Hauptstädte,
Provinzen verliert (welches früher allen Diplomaten ein
unumstösslicher Grundsatz war, daher sie auch gleich mit einem
interimistischen schlechten Frieden bei der Hand waren), sondern
dass man oft mitten in seinem Lande am stärksten ist, wenn die
Offensivkraft des Gegners sich schon erschöpft hat, und mit welcher
ungeheuren Gewalt dann die Defensive zur Offensive überspringt,
seitdem ferner Preussen 1813 gezeigt hat, dass plötzliche
Anstrengungen die gewöhnliche Stärke einer Armee auf dem Weg der
Miliz versechsfachen können, und dass diese Miliz ebenso gut
ausserhalb des Landes als im Lande zu gebrauchen ist, – nachdem alle
diese Fälle gezeigt haben, welch ein ungeheurer Faktor in dem
Produkt der Staats-. Kriegs- und Streitkräfte das Herz und die
Gesinnung der Nation sei, – nachdem die Regierungen alle diese
Hilfsmittel kennen gelernt haben, ist nicht zu erwarten, dass sie
dieselben in künftigen Kriegen unbenutzt lassen werden, sei es, dass
die Gefahr der eigenen Existenz ihnen drohe, oder ein heftiger
Ehrgeiz sie treibe.
Dass Kriege, welche
mit der ganzen Schwere der gegenseitigen Nationalkraft geführt
werden, nach anderen Grundsätzen eingerichtet sein müssen als
solche, wo alles nach dem Verhältnis der stehenden Heere zueinander
berechnet wurde, ist leicht einzusehen. Die stehenden Heere glichen
sonst den Flotten, die Landmacht der Seemacht in ihrem Verhältnis
zum übrigen Staat, und daher hatte die Kriegskunst zu Lande etwas
von der Seetaktik, was sie nun ganz verloren hat.
Viertes Buch: das
Gefecht
Im vierten Buch
beschreibt Clausewitz in grossen Details alle Belange des Gefechts
in seiner Zeit.
Viertes Buch;
elftes Kapitel
Der Gebrauch der
Schlacht
Zum Begriff des
Krieges.
1. Die
Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist das Hauptprinzip
desselben und für die ganze Seite des positiven Handelns der
Hauptweg zum Ziel.
2. Diese
Vernichtung der Streitkräfte findet hauptsächlich nur im Gefecht
statt.
3. Nur grosse
und allgemeine Gefechte geben grosse Erfolge.
4. Am grössten
werden die Erfolge, wenn sich die Gefechte in einer grossen Schlacht
vereinigen.
5. Nur in einer
Hauptschlacht regiert der Feldherr das Werk mit eigenen Händen, und
es ist in der Natur der Dinge, dass er es am liebsten den seinigen
anvertraut.
Fünftes Buch: Die
Streitkräfte
Fünftes Buch;
erstes Kapitel
Wir werden die
Streitkräfte betrachten
1. nach ihrer Stärke
und Zusammensetzug;
2. in ihrem Zustand
ausser dem Gefecht;
3. in Rücksicht
ihres Unterhaltes und
4. endlich in ihren
allgemeinen Beziehungen zu Gegend und Boden.
Sechstes Buch:
Verteidigung
Sechstes Buch;
erstes Kapitel
Begriff der
Verteidigung
...
Dass die
Verteidigung leichter sei als der Angriff, ist schon im allgemeinen
bemerkt, da aber die Verteidigung einen negativen Zweck hat,
das Erhalten, und der
Angriff einen positiven, das
Erobern, und da dieser die eigenen Kriegsmittel vermehrt, das
Erhalten aber nicht, so muss man, um sich bestimmt auszudrücken,
sagen: die verteidigende Form des Kriegführens ist an stärker als die
angreifende. Auf dies Resultat haben wir hinausgewollt; denn
ob es gleich ganz in der Natur der Sache liegt und von der Erfahrung
tausendfältig bestätigt wird, so läuft es dennoch der herrschenden
Meinung völlig entgegen – ein Beweis, wie sich die Begriffe durch
oberflächliche Schriftsteller verwirren können.
Diese Ansicht von
Clausewitz ist seither in vielen Veröffentlichungen kommentiert und
bestritten worden
Sechstes Buch;
sechsundzwanzigstes Kapitel
Volksbewaffnung
Der Volkskrieg ist
im kultivierten Europa eine Erscheinung der neunzehnten
Jahrhunderts. Er hat sein Anhänger und seine Widersacher ...
... dass der
Volkskrieg im allgemeinen als eine Folge des Durchbruchs anzusehen
ist, den das kriegerische Element in unserer Zeit durch seine alte
künstliche Umwallung gemacht hat; als eine Erweiterung und
Verstärkung des ganzen Gärungsprozesses, den wir Krieg nennen.
Siebentes Buch:
Der Angriff
Siebentes Buch;
drittes Kapitel
Vom Gegenstande des
strategischen Angriffs
Das Niederwerfen des
Feindes ist das Ziel des Krieges, Vernichtung der feindlichen
Streitkräfte das Mittel. Es bleibt beim Angriff wie bei der
Verteidigung. Diese führt durch die Vernichtung der feindlichen
Streitkräfte zum Angriff, dieser zur Eroberung des Landes; es ist
also dies sein Gegenstand, braucht aber nicht das ganze Land zu
sein, sondern kann sich auf einen Teil, eine Provinz, einen
Landstrich, eine Festung usw. beschränken. Alle diese Dinge können
einen genügenden Wert haben als politische Gewichte beim Frieden,
entweder zum Behalten oder zum Austausch.
Siebentes Buch;
zwanzigstes Kapitel
Diversion,
Ausführung
1. Eine
Diversion kann einen wirklichen Angriff in sich schliessen, dann ist
die Ausführung von keinem besonderen Charakter begleitet als dem der
Kühnheit und Eile.
2. Sie kann
aber auch die Absicht haben, mehr zu scheinen, als sie ist, indem
sie zugleich Demonstration ist. Welche besonderen Mittel hier
anzuwenden sind, kann nur ein schlauer Verstand angeben, der die
Verhältnisse und Menschen gut kennt. Dass hierbei immer eine grosse
Zerstreuung der Kräfte notwendig wird, ist in der Natur der Sache.
3. Sind die
Kräfte nicht ganz unbedeutend, und ist der Rückzug auf gewisse
Punkte beschränkt, so ist eine Reserve, an die sich alles
anschliesst, eine wesentliche Bedingung.
Achtes Buch:
Kriegsplan
Achtes Buch;
zweites Kapitel: Absoluter und wirklicher Krieg.
...
So finden wir ihn
(den Krieg) fast überall, und man könnte zweifeln, dass unsere
Vorstellungen von dem ihm absolut zukommenden Wesen einige Realität
hätte, wenn wir nicht gerade in unseren Tagen den wirklichen Krieg
in dieser absoluten Vollkommenheit hätten auftreten sehen. Nach
einer kurzen Einleitung , die die französische Revolution gemacht
hat, hat ihn der rücksichtslose Bonaparte rasch auf den Punkt
gebracht.
...
Wir werden die
Ansicht fassen müssen, dass der Krieg und die Gestalt, die man ihm
gibt, hervorgeht aus augenblicklich vorhergehenden Ideen, Gefühlen
und Verhältnissen, ja wir müssen, wenn wir ganz wahr sein wollen,
einräumen, dass dies selbst der Fall gewesen ist, wo er seine
absolute Gestalt angenommen hat, nämlich unter Bonaparte.
Achtes Buch;
drittes Kapitel: Von der Grösse des kriegerischen Zweckes und der
Anstrengung.
Krieg der
Kabinette im 18. Jahrhundert
...
Die inneren
Verhältnisse hatten sich fast überall zu einer schlichten Monarchie
vereinfacht, die ständischen Rechte und Einwirkungen hatten nach und
nach aufgehört, und das Kabinett war eine vollkommene Einheit,
welche den Staat nach aussen hin vertrat.
...
Auf diese Weise
wurde der Krieg in eben dem Masse, wie sich die Regierung vom Volke
trennte und sich als den Staat ansah, ein blosses Geschäft der
Regierungen, welches sie vermittelst der Taler in ihrem Koffer und
der müssigen Herumtreiber in den ihren und den benachbarten
Provinzen zustande brachten.
...
Die politischen
Interessen, Anziehungen und Abstossungen hatten sich zu einem sehr
verfeinerten System ausgebildet, so dass kein Kanonenschuss in
Europa geschehen konnte, ohne dass alle Kabinette ihren Teil daran
hatten.
...
Der Krieg wurde also
nicht bloss seinen Mitteln, sondern auch seinem Ziele nach immer
mehr auf das Heer selbst beschränkt. Das Heer mit seinen Festungen
und einigen eingerichteten Stellungen machte einen Staat im Staate
aus, innerhalb dessen sich das kriegerische Element langsam
verzehrte. Ganz Europa freute sich dieser Richtung und hielt sie für
eine notwendige Folge des fortschreitenden Geistes.
...
Seit Bonaparte also
hat der Krieg, indem er zuerst auf der einen Seite, dann auch auf
der anderen wieder Sache des ganzen Volkes wurde, eine ganz andere
Natur angenommen, oder vielmehr, er hat sich seiner wahren Natur,
seiner absoluten Vollkommenheit sehr genähert.
...
Clausewitz
bezeichnet Bonaparte an einer Stelle als «Kriegsgott».
...
Ob es nun immer so
bleiben wird, ob alle künftigen Kriege in Europa immer mit dem
ganzen Gewicht der Staaten und folglich nur um grosse, den Völkern
nahe liegende Interessen geführt sein werden, oder ob nach und nach
wieder eine Absonderung der Regierung von dem Volke eintreten wird,
dürfte schwer zu entscheiden sein, und am wenigsten wollen wir uns
eine solche Entscheidung anmassen.
Achtes Buch;
achtes Kapitel: Verteidigung
Clausewitz
erwähnt den Reduitgedanken:
Das Kühnste, und
wenn es gerät, Wirksamste ist der Rückzug ins Innere des Landes; und
dieses Mittel ist dann zugleich dasjenige, welches von dem anderen
System am weitesten entfernt ist.
Als Beispiel
erwähnt Clausewitz Friedrich den Grossen, der im siebenjährigen
Krieg 1757 diese Methode mit Erfolg im Raume Sachsen und im
schlesischen Gebirge angewandt hat.
*********************
Zum Studium «Vom
Kriege»
Das Werk «Vom
Kriege» von Clausewitz hat eine sehr umfangreiche Nachfolgeliteratur
hervorgebracht. In der 19. Ausgabe von 1980 sind 185 Titel erwähnt.
Insbesondere haben sich Historiker, Philosophen und
Militärsachverständige mit ihm befasst.
Das Studium der acht
Bücher ist sehr anspruchsvoll und braucht trotz der ausgesprochen
schönen Sprache und der faszinierenden Formulierungen eine hohe
Konzentration und ein grosses Durchstehvermögen. Die Gedankengänge
und die Systematik von Clausewitz stammen aus einer fremden Welt und
sind für einen Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts nicht leicht
nachvollziehbar. Es ist schwierig, einzelne Thesen herauszugreifen
und zu verwenden, weil die Aussagen oft in einem anderen Teil des
Werks nochmals aufgegriffen und manchmal auch relativiert werden.
Die Frage der
Gültigkeit der theoretischen Ansätze von Clausewitz in der heutigen
Zeit ist nicht einfach zu beantworten. In einer Rezension in der
«Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift» im Jahrgang 1993
steht der Satz: «Clausewitz hatte doch recht». Der Schreiber dieses
Satzes hat mit Bestimmtheit Clausewitz nicht gelesen. So einfach ist
es nicht.
Liddell Hart, der
von seinem Verleger als «Clausewitz des 20. Jahrhunderts» bezeichnet
wurde und der die Theorie des «indirekten Kriegs» vertritt, bemerkte
1960: «Die Kriegskunst, wie sie zu Zeiten eines Napoleon und eines
Clausewitz entwickelt und praktiziert wurde bis zu Hitler und
Churchill, gehört heute zum alten Eisen».
Nach General André
Beaufre, dem strategische Vordenker des Nuklearzeitalters, hat die
«romantische Auslegung» der Theorien von Clausewitz zu den
Katastrophen des 1. und 2. Weltkriegs geführt. Clausewitz
postulierte das Ende der Kabinettskriege und das Aufkommen der
Volkskriege. Angesichts der nuklearen Waffen und der technologischen
Entwicklung betrachtet Beaufre das Zeitalter der Volkskriege als
beendet. |