STRATEGIE

General Beaufre: Atomwaffen für die Schweiz?

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Essay von Walter Dürig

Die Analyse der Kriegskatastrophen der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts sowie das Erscheinen neuer Waffenkategorien in den Arsenalen der Großmächte hat den französischen General André Beaufre zur Formulierung einer Lehre, welche als «Renaissance der Strategie» bezeichnet wurde, angespornt. Die «aufgewärmte» Diskussion um die Beschaffung von Atomwaffen durch die Schweiz wird zum Anlass genommen, die bemerkenswerte Theorie von Beaufre nachfolgend zu beleuchten.

Vor fünfzig Jahren ging der von Hitler angezettelte Krieg, dank einem beeindruckenden Kraftakt der Alliierten, zu Ende. Große Teile Europas lagen in Schutt und Asche. In Ostasien wurde der Krieg anfangs August 1945 mit dem ersten und bisher einzigen Einsatz von Atombomben ebenfalls beendet. Die Kernwaffe wurde damit zur sicherheitspolitischen Realität.

Zeit der technikgläubigen Aufbruchstimmung

Schon bald danach ging die Allianz zwischen den USA und der Sowjetunion infolge Stalins Politik in die Brüche. Die Zeit des Kalten Krieges war angebrochen. Ab 1953 wurde als amerikanische Strategie zur Eindämmung einer sowjetischen Expansion die «massive Vergeltung» mit einer strategischen, mit Kernwaffen bestückten Bomberflotte angedroht. Eine Invasion soll außerdem mit taktischen Atomwaffen gekontert werden.

Im August 1953 wurde die westliche Welt durch die erste Testexplosion einer sowjetischen Wasserstoffbombe aufgeschreckt und 1957 durch die sowjetische Raketentechnologie geschockt. Die Spirale der nuklearen Rüstung begann sich in der Folge bis zur gegenseitigen Zweitschlagsfähigkeit der Supermächte gegen die Städte des Gegners (ab 1964) zu drehen. Die Abschreckungsstrategie bescherte Europa die längste (prekäre) Friedensperiode der neueren Geschichte.

Nach 1950 wurden durch die USA und die Sowjetunion zusätzlich zu den strategischen Kernwaffen in wenigen Jahren Tausende von so genannten «taktischen Atomwaffen» in einem Sprengkraftbereich von unter einer bis mehreren hundert kT * für die Bestückung von Fliegerbomben, Lenkwaffen verschiedener Reichweite, Artilleriegeschossen und Landminen hergestellt.

Die Generalstäbe hatten die Tendenz, Kernwaffen in einer rein technisch-taktischen Betrachtungsweise - «wie andere Waffen, nur stärker» - zu betrachten. An der Führung des Gefechts würde sich praktisch nichts ändern.

Die politischen, psychologischen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen des Einsatzes «taktischer Atomwaffen» und die verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung wurden vernachlässigt. Weder im Osten noch im Westen war eine überzeugende Einsatzdoktrin vorhanden.

Die Welt wurde in der damaligen Zeit, welche durch eine technikgläubige Aufbruchstimmung geprägt war, durch die Experten in Atommächte, Schwellenländer und «Habenichtse» eingeteilt. Wer die «absolute Waffe» weder besaß noch zu produzieren in der Lage wäre, galt als sicherheitspolitisch unterentwickelt.

Strategie als ständige Neuschöpfung

Vor diesem Hintergrund erschien unter dem Titel «Introduction à la stratégie» (Paris, 1963) das Hauptwerk von General Beaufre, der bei seinem Rücktritt 1960 Vertreter Frankreichs bei der Ständigen Gruppe der NATO war. Der deutsche Titel lautete: «Totale Kriegskunst im Frieden, Einführung in die Strategie» (Berlin und Frauenfeld, 1964.

Beaufre versteht unter Strategie die Kunst, die Macht beim Durchsetzen der politischen Ziele zur Geltung zu bringen, unter Taktik die Kunst, die Waffen mit dem größtmöglichen Nutzeffekt einzusetzen und unter Logistik die Wissenschaft von den Truppenbewegungen und dem Nachschub. Taktik und Logistik weisen – ähnlich dem Ingenieurwesen – wissenschaftlichen Charakter auf.

Einige Theoretiker haben die Ansicht vertreten, die Strategie sei unveränderlichen Werten zuzuschreiben. Lediglich die Taktik weise Entwicklungschancen auf. Die Anwendung des «einzig richtigen» Modells hat nach Beaufre oft in der Katastrophe geendet. Die Strategie soll erlauben, Ereignisse zu lenken, statt von ihnen mitgerissen zu werden. Sie hat keinen festen Berechnungsmaßstab, ist eine Kunst und nicht eine exakte Wissenschaft.

Sie basiert auf einer ständigen Neuschöpfung, einem Prozess, der auf Hypothesen beruht. Die Vorbereitung ist wichtiger als die Ausführung. Es müssen die gegebene Situation genauestens erfasst, die psychologischen Komponenten aufgedeckt und die politische Gesamtlinie festgelegt werden. Beaufre argumentiert hier durchaus in der Nähe von Sun Tze.

Abschreckungsstrategie bedeutet Drohung mit äußerster Ausweitung. Kriegsstrategie bedeutet Beschränkung der Konflikte mit flexiblen Gegenmaßnahmen. Die Abschreckungsstrategie kommt vor der Kriegsstrategie. Sie schliesst die Faktoren Ungewissheit und Irrationalität ein.

Die Idee der stufengerechten Strategien

Beaufre schlägt vor, eine Strategieschöpfung nicht dem Feldherrn zu überlassen, sondern auf allen relevanten Führungsstufen wie folgt auszuführen:

  • Gesamtstrategie der Regierung.

  • Allgemeine Strategie aller Elemente der Gesamtverteidigung.

  • Operative und logistische Strategien der Streitkräfte.

Dieser Vorschlag war eine echte Innovation Beaufres, die sich mit Gewinn auch in der unternehmerischen Führung anwenden lässt. Seine Schlussfolgerung lauten wie folgt:

  • Die nukleare Strategie (zur Kriegsverhinderung) ist die moderne Form der Gesamtstrategie eines Staates. Sie muss den Wandlungen Rechnung tragen.

  • Notwendig ist eine Gesamtstrategie, welche die Strategie der nuklearen, biologischen und chemischen Waffen, die Weltraumstrategie sowie die zweitrangigen und indirekten strategischen Ausdrucksformen einschliesst.

  • Es ist notwendig, die Bewegung der Potentiale in der Zeitdimension zu berücksichtigen. Qualitative Faktoren (Moral, Technik) sind dabei wichtiger als quantitative Faktoren.

  • Die Gesamtstrategie nach dieser Definition hat die strategische Konzeption des 19. Jahrhunderts (nach Clausewitz) über den Haufen geworfen.

  • Die Vorbereitung ist wichtiger als die Durchführung. Das Prinzip Napoleons, dass alles auf die Ausführung ankomme, ist überholt.

Beurteilung aus heutiger Sicht

Beaufre kommt das Verdienst zu, dem Strategiebegriff in der Führung einen neuen Stellenwert vermittelt zu haben. Die sicherheitspolitische Führung der Schweiz entspricht seit den Siebzigerjahren, ähnlich wie der Strategieschöpfungsprozess in der Wirtschaft («Corporate Strategy»), dem entsprechenden Denkmodell.

Die Atomwaffendiskussion in der Schweiz von 1946 bis 1970 wird durch das Studium von Beaufre plausibel (siehe Kästchen.) Alle Generalstäbe haben sich damals mit der «absoluten Waffe» befasst. Die Verdrängung der Frage wäre als Ignoranz ausgelegt worden. Die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger wollte nicht zu den «Habenichtsen» gehören. Der Schwellenlandstatus war bis zum Atomsperrvertrag sozusagen Ehrensache. Wenn das Endergebnis (und nicht der Weg dazu) betrachtet wird, muss der Schweiz ein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Ihre Regierung hat 1973 und 1990 vorbildliche und atomwaffenfreie sicherheitspolitische Konzeptionen und Gesamtstrategien festgelegt. Seit 1977 gehört die Schweiz als verlässlicher Partner dem Atomsperrvertrag an und wird es auch bleiben.

Beaufre hat als Theoretiker der Abschreckungsstrategie (wie alle andern auch) das Ende des Kalten Krieges nicht vorausgesehen. Die «nuklearen Gesamtstrategien» haben ihren Sinn verloren. Das Erbe lastet als Damoklesschwert über der Erde. Die Politiker sind, besonders beim Thema der so genannten «taktischen Atomwaffen» (die Beaufre kritisch beurteilte) verdächtig stumm. Eine Gesamtstrategie zur Bewältigung der Altlasten und der neuen Kriege ist gegenwärtig nicht in Sicht.

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*) Die Sprengkraft der nuklearen Sprengsätze wird als Energieäquivalent in Kilotonnen (kT) des konventionellen Sprengstoffes Trinitrotoluol (TNT) angegeben. Die Bomben von Hiroshima und Nagasaki hatten eine Sprengkraft von etwa 20 kT.


 

Chronologie eines Strategieschöpfungsprozesses:

«Atomwaffen für die Schweiz»

8.06.1946

Der Bundesrat ernennt eine «Studienkommission für Atomenergie».

Frühjahr 1957

Die Schweizerische Offiziersgesellschaft befürwortet Atomwaffen als bedeutende Verstärkung der Landesverteidigung.

29.11.1957

Der Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen befürwortet ein Flugzeug, das fähig wäre, «Atombomben bis nach Moskau zu tragen».

11.07.1958

Grundsatzerklärung des Bundesrates: «Die Armee braucht zur Erfüllung ihres Auftrages die wirksamsten Waffen. Dazu gehören Atomwaffen».

01.04.1962

Die Atomwaffenverbotsinitiative von Samuel Chevallier wird durch das Schweizervolk mit 65% Nein-Stimmenanteil abgelehnt. Die Strategie des Bundesrates, die Beschaffung von Atomwaffen als Option für den Fall einer Weiterverbreitung offen zu halten, hat sich durchgesetzt.

26.05.1963

Die Initiative der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz für das obligatorische Referendum für jeden «Beschluss über die Ausrüstung der schweizerischen Armee mit Atomwaffen irgend welcher Art» wird durch das Schweizervolk mit 62% Nein-Stimmenanteil abgelehnt. Die Ansicht des Bundesrates, die Kompetenz des Parlaments für die Beschaffung von Rüstungsmaterial sei allenfalls auch auf Kernwaffen anzuwenden, hat sich durchgesetzt.

15.11.1963 und 21.03.1964

Expertenberichte, die sich mit den Möglichkeiten einer «eigenen Atomwaffenproduktion» beschäftigen.

04.05.1964

Der Generalstab nennt als militärischen Bedarf in einer ersten Stufe 50 Bomben à 60 bis 100 kT für den Einsatz mit dem Flugzeug Mirage.

26.10.1965 und 28.01.1966

Der Bundesrat behandelt die Frage der Atomenergie und überträgt die Federführung dem Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement

06.06.1966

Der Bundesrat verabschiedet den Bericht über die Konzeption der militärischen Landesverteidigung. Die Strategie einer Offenhaltung der atomaren Option für den Fall einer Weiterverbreitung von Kernwaffen erhält im Parlament, auch von sozialdemokratischer Seite, breite Unterstützung.

30.04.1969

Einsatz eines «Arbeitsausschusses für Atomfragen» (AAA) durch das EMD mit dem Auftrag, den Wissensstand (als «atomare Schwellenmacht») zu erhalten und insbesondere Fragen des Terrorismus und der Weiterverbreitung von Kernwaffen vertieft abzuklären. (Auflösung am 25.10.1988)

27.06.1973

Bericht des Bundesrates über die Sicherheitspolitik der Schweiz. Die Dissuasion (mit konventionellen Mitteln) wird als Strategie der Gesamtverteidigung festgelegt.

09.03.1977

Schlusspunkt unter die Fragen der Schweiz als «nukleare Schwellenmacht» und der atomaren Bewaffnung mit dem Inkrafttreten des Atomsperrvertrages durch das Hinterlegen der Ratifikationsurkunde.

 

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