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Ansprache von
Angelika Rieger
anlässlich der
Vernissage einer Ausstellung
von Gian Gross
vom 5. September 2008 im
Stellwerk in Heerbrugg.
Künstler und Architekt
Als Gian Gross mich bat, die
Laudatio für seine Vernissage zu halten, war ich überrascht. Denn ich
kenne ihn noch nicht so lange. Kennengelernt habe ich ihn erst im
letzten Jahr. Anlässlich einer bevorstehenden Ausstellung durfte ich
einen journalistischen Beitrag schreiben. Als wir einen Termin
vereinbarten, hat mir Gian Gross am Telefon seine Schaffensweise
erklärt. Doch erst als ich in sein Haus kam, wurde mir klar was er
meinte als er sagte, er mache «Einstrich-Bilder"» – one line. Ich war
von Anfang an fasziniert, konnte nicht umhin, die Präzision zu
bewundern, die auf den ersten Blick erkennbar ist. Scheinbar unendliche
Linien winden sich auf dem Papier. Mal verlaufen sie parallell zu
einander, bilden mit ihren Spiralen und Kreisen Labyrinthe und
Irrgärten. Dann wieder formen sie sich zu Landschaften, bringen Häuser,
Bäume, Pflanzen und Tiere hervor. Dann die Kreativität, die unschwer
erkennen lässt, was für ein Mensch Gian Gross ist: Ein Romantiker, einer
der Visionen hat und diesen Visionen in seinen Bildern Ausdruck
verleiht. Aber auch einer, dem der Schalk im Nacken sitzt und der dem
Leben eine positive Einstellung abgewinnt. All dies – liebe Gäste –
werden Sie in seinen Bildern erkennen.
«Der
Weg ist das Ziel», heisst es – und bei den Einstrichbildern von Gian
Gross kommt dieses Sprichwort im wahrsten Sinne des Wortes zur
Anwendung. Einstrich – one line – das heisst nichts anderes, als von
einem Punkt beginnend in einer Linie, ohne Überschneidungen, ohne
Kreuzungen, ein Bild zu zeichnen. Das hört sich einfach an, ist es aber
nicht. Es braucht eine Strategie, immer die Idee vor Augen, ohne
innezuhalten, stets mit höchster Konzentration den Plan verfolgen, der
im Kopf existiert. Um solch kompakte Welten darstellen zu können,
Welten, in denen es an Symbolen und Fabelwesen ebenfalls nicht fehlt,
braucht es neben dem strategischen Vorgehen, neben dem kreativen
Umsetzen auch jede Menge Fantasie. Dass es Gian Gross an Fantasie nicht
mangelt, erkennen sie, wenn Sie durch die Ausstellung gehen. Sie sehen
Erinnerungen und Traumbilder, der Wirklichkeit Abgeschautes und
Ausgedachtes. Viele Bilder sind koloriert, von weitem sehen sie aus wie
gemalt. Wenn Sie näher treten, sehen Sie die Linien und werden
vielleicht versucht sein, den Anfang und das Ende zu suchen. Es gibt
aber auch Bilder, in denen Gian Gross der Farbe Grenzen setzt: in seinen
vier – oder sogar siebenfachen Einstrich-Bildern bildet jeder Strich
eine geschlossene Linie – ohne Anfang oder Ende.
Gian Gross ist Architekt von
Beruf und hat als solcher seine Handschrift hinterlassen. In Davos
durfte er viele bekannte Bauten realisieren. Leider weniger seinen
Visionen entsprechend, wie er sagte, sondern getreu den verlangten
Massstäben und Vorgaben. Die Bauten werden ob ihrer baulichen Gestaltung
heute noch gerühmt: die Pischa-Berg- und Talstation, die
Parsennbahn-TalStation und Parsennwohnhäuser. In der näheren und
weiteren Umgebung von Davos hat Gian Gross beruflich viel geleistet. Das
letzte grössere Projekt war die ortsgestalterisch gelungene Uberbauung
Gadenstadt Frauenkirch mit sieben ganz individuell konzipierten Häusern
inklusive Dorfplatz. Das Haus in Marbach, in dem Gian Gross seit 18
Jahren wohnt, hat er selbst entworfen.
Sie sehen: Gian Gross war und
ist heute noch ein viel beschäftigter Mann. Trotzdem hat er Zeit
gefunden, sich seinen Hobbys zu widmen: Neben dem Zeichnen und Malen war
es das Fotografieren und Basteln. Seine Visionen hat er mit seinen
Bildern verwirklicht. Hier hinterlässt er als Künstler seine
Handschrift. Da malt er Kirchen und Generationenhäuser, Landschaften, ja
ganze Dörfer in einem Stil, den ihm keiner nachmacht. Sein Bild mit dem
Titel „Hügelstadt" ist ein wohl schwierigstes Werk. Sie sehen das Bild
hier in der Ausstellung. Es basiert auf einem architektonischen Entwurf,
den Gian Gross als Einstrich-Bild umgesetzt hat.
Künstler und Architekt: Das
eine geht nicht ohne das andere. Denn die technische Präzision, wie sein
Beruf sie erfordert, braucht es für diese Art von Kunst. Als Architekt
hat Gian Gross am Reissbrett seine Entwürfe gemacht – heute ist das kaum
mehr vorstellbar. Für die künstlerische Umsetzung seiner Einstrichbilder
braucht es kein Reissbrett. Doch es braucht eine sichere Hand, da Gian
Gross auf den Einsatz von Hilfsmitteln wie Lineal oder Zirkel
verzichtet. Kein Zittern, keine Unachtsamkeit darf er sich bei seinen
Ausführungen erlauben. Es ist ein kontinuierliches Vorwärtsstreben – und
Gian Gross ist dabei immer auf der Hut, dass er sich nicht in seinem
eigenen Bildern verfängt, dass er eine Möglichkeit offen lässt, den
Stift in eine andere Richtung zu lenken.
Gian Gross malt seit bald 70
Jahren. Da hat sich einiges angesammelt. Wenn Sie durch die Ausstellung
gehen, sehen Sie auch einige Aquarelle, die er ebenso fantasievoll
gestaltet wie die Einstrich-Bilder. Sie sprechen für sich.
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